Die reife Verkaeuferin
Es gibt Frauen, an denen erkennt man auf den ersten Blick, dass sie genau wissen, was sie wollen. Vivien war so eine Frau. Ich war siebenundzwanzig, verschwitzt vom Sommer draußen, und ich brauchte nur einen Anzug für die Hochzeit meines besten Freundes. Was ich bekam, war eine reife Frau, deren Geschichte ich seither niemandem erzählt habe — bis jetzt.
Die Boutique lag in einer dieser stillen Seitenstraßen, wo die Schaufenster kein Preisschild zeigen, weil man dann ohnehin nicht der Kunde ist. Dunkles Holz, gedämpftes Licht, der Duft von Zedernholz und teurem Stoff. Ich hätte fast wieder kehrtgemacht. Dann sah ich sie hinter dem Tresen stehen, und ich blieb.
Die Frau hinter dem Tresen
Vivien war vielleicht Ende vierzig, und sie trug diese Jahre wie andere Frauen ein Kleid — mit einer Selbstverständlichkeit, die einem den Atem nahm. Dunkles Haar, an den Schläfen mit ein paar silbernen Fäden durchzogen, hochgesteckt, eine einzige Strähne gelöst. Eine schmale Brille, die sie über den Rand hinweg abnahm, als ich eintrat, und mich damit ansah, als hätte sie schon auf mich gewartet.
„Sie sind zu warm angezogen für dieses Wetter”, sagte sie statt einer Begrüßung, und ihre Stimme war tief, ein wenig rau, mit einem Lächeln darin, das man mehr hörte als sah. „Aber Sie haben Schultern. Damit kann man arbeiten.”
Ich lachte, verlegen, und erklärte etwas von einer Hochzeit, von wenig Zeit, von einem Budget. Sie hörte nicht wirklich zu. Sie kam um den Tresen herum, langsam, in einem engen dunkelroten Kleid und flachen Schuhen, die auf dem Parkett kaum ein Geräusch machten, und legte mir zwei Finger unter das Kinn, um mein Gesicht ins Licht zu drehen.
„Halten Sie still”, sagte sie. „Ich muss Sie sehen.”
Ihre Berührung war kühl und trocken und vollkommen ohne Eile. Eine reife Frau, die gewohnt war, Männer zu vermessen — im Wortsinn und in jeder anderen Bedeutung. Sie ging um mich herum, legte mir ein Maßband über die Schultern, und ich spürte, wie ihre Hand dabei einen Moment länger als nötig auf meinem Rücken lag.
„Sie sind angespannt”, stellte sie fest, dicht an meinem Ohr. „Das sieht man am Stoff. Ein Anzug hängt nur richtig an einem Mann, der weiß, dass er gut aussieht.” Sie trat vor mich, sah mir in die Augen. „Also bringe ich Ihnen das erst mal bei.”
In der Umkleide
Die Umkleidekabine hinten im Laden war kein Vorhang und keine enge Zelle. Es war ein Raum, größer als mein Bad zu Hause, mit einem dreiteiligen Spiegel, einem samtbezogenen Hocker und Licht, das von überall gleichzeitig zu kommen schien und einen besser aussehen ließ, als man war.
Vivien brachte mir das erste Sakko und hielt es auf, damit ich hineinschlüpfte. Ihre Hände strichen über meine Schultern, glätteten den Stoff, fuhren die Naht am Arm entlang. Im Spiegel sah ich, wie sie hinter mir stand, den Kopf leicht schräg, und mich betrachtete — nicht das Sakko. Mich.
„Sehen Sie?”, sagte sie leise und legte beide Hände flach auf meine Brust, von hinten, sodass sie mich fast umarmte. „So.” Ihre Finger drückten sacht. „Da ist ein Mann drin. Man muss ihn nur herauslassen.”
Mir wurde heiß, und es lag nicht am zweiten Stoff auf meiner Haut. Ich sah unsere Blicke sich im Spiegel treffen, und sie hielt ihn, ohne zu blinzeln, ohne die Hände wegzunehmen. Eine reife Frau, die genau wusste, was sie tat, und die mir jede Sekunde gab, „nein” oder „Verzeihung, ich muss los” zu sagen.
Ich sagte nichts. Ich hielt still, so wie sie es verlangt hatte.
Ihre Hände wanderten langsam an meiner Brust hinab, öffneten den Knopf des Sakkos, den sie gerade geschlossen hatte, und schoben es mir von den Schultern. „Das nehmen wir wieder aus”, murmelte sie an meinem Nacken, und ihre Lippen streiften dabei meine Haut, kaum spürbar, ein Versprechen mehr als ein Kuss. „Sie tragen das falsche Hemd. Das muss auch runter.”
Knopf für Knopf öffnete sie es, von hinten, ohne Hast, während sie mich im Spiegel ansah und ich sie. Als das Hemd zu Boden fiel, legte sie ihre Handflächen auf meinen nackten Rücken, fuhr sie hinauf zu den Schultern, und ich hörte, wie sie zufrieden ausatmete.
„Viel besser”, sagte sie. „Jetzt sehe ich, mit wem ich es zu tun habe.”
Ich drehte mich um. Zum ersten Mal, seit ich den Laden betreten hatte, tat ich etwas, statt es geschehen zu lassen. Vivien lächelte, als hätte sie genau darauf gewartet, dass der Junge endlich zum Mann wird. Sie nahm die Brille ab, faltete sie zusammen und legte sie auf den Hocker.
„Na also”, sagte sie.
Was eine reife Frau will
Ich küsste sie, und sie ließ es geschehen, öffnete ihre Lippen, führte mit ihrer Zunge, ohne mir die Führung ganz zu nehmen. Sie schmeckte nach Kaffee und etwas Dunklem, Rauchigem, und sie küsste, wie sie sich bewegte — mit Zeit, mit Absicht, mit dem ruhigen Selbstbewusstsein einer Frau, die weiß, dass Eile nur Anfänger haben.
Ihre Hände öffneten meinen Gürtel, ohne den Kuss zu unterbrechen. Als sie in meine Hose glitten und mich fanden, lächelte sie in den Kuss hinein.
„Sieh an”, flüsterte sie an meinen Lippen. „So ungeduldig.” Sie schloss ihre Finger fester, und ich stöhnte gegen ihren Mund. „Das lernst du auch noch, mein Junge. Dass es das Warten ist, das alles besser macht.”
Sie drückte mich sanft auf den samtbezogenen Hocker, sodass ich saß und sie über mir stand. Langsam griff sie hinter ihren Rücken, öffnete den Reißverschluss ihres dunkelroten Kleides und ließ es von den Schultern gleiten. Darunter trug sie schwarze Spitze, teuer und schlicht, und einen Körper, der jede seiner Jahre trug wie ein Kompliment — voll, weich, mit Kurven, die eine junge Frau nicht hat und nicht spielen kann.
Ich wollte aufstehen, sie an mich ziehen. Sie legte mir eine Hand auf die Brust und drückte mich zurück.
„Sitzen bleiben”, sagte sie leise, und dieses eine ruhige Kommando ließ mich mehr erschauern als jede Berührung. „Du siehst zu. Und du fasst erst an, wenn ich es dir erlaube.”
Sie stellte sich vor den dreiteiligen Spiegel, sodass ich sie dreifach sah, von allen Seiten, und ließ mich warten. Sie strich sich mit den Händen über den eigenen Körper, langsam, den Blick über die Schulter auf mich gerichtet, und ich saß da, hart und atemlos, und begriff zum ersten Mal, was der Unterschied ist zwischen einem Mädchen, das gefallen will, und einer Frau, die genießt.
Sie bestimmt das Tempo
„Jetzt”, sagte sie schließlich und kam zu mir, „darfst du.”
Ich zog sie zu mir auf den Hocker, und sie ließ sich rittlings auf meinem Schoß nieder, langsam, die Arme um meinen Nacken. Ich vergrub mein Gesicht zwischen ihren Brüsten, schob die schwarze Spitze beiseite, und sie hielt meinen Kopf, dirigierte mich, sagte mit dieser tiefen, ruhigen Stimme, was ihr gefiel und wie.
„Langsamer”, murmelte sie, als ich zu gierig wurde. „Wir haben Zeit. Der Laden gehört mir.” Sie lächelte. „Und für die nächste halbe Stunde gehörst du auch mir.”
Ich streifte ihr die Spitze von den Hüften, und sie half mir, meine Hose ganz loszuwerden, ohne aufzustehen, ohne die Nähe zu brechen. Dann hob sie sich ein Stück, führte mich mit einer Hand, und ließ sich auf mich sinken — so langsam, dass ich die Zähne zusammenbeißen musste, um nicht sofort die Kontrolle zu verlieren. Sie sah es. Natürlich sah sie es.
„Nicht”, sagte sie ruhig und legte mir eine Hand an die Wange. „Atme. Sieh mich an. Und halte durch, bis ich es dir sage.”
Sie begann sich zu bewegen, in diesem gemächlichen, tiefen Rhythmus, der einen Mann verrückt macht, gerade weil er nicht schneller wird. Ich hielt ihre Hüften, spürte, wie sie sich auf mir hob und senkte, und im dreiteiligen Spiegel sah ich uns von allen Seiten — ihren Rücken, ihre Schultern, das gelöste Haar, das ihr nun ganz aus der Steckung fiel, meine Hände auf ihrer Haut.
Sie stützte sich an meinen Schultern ab und diktierte alles — jede Bewegung, jeden Atemzug. Wenn ich zu drängen begann, hielt sie inne, sah mir in die Augen, wartete, bis ich mich wieder in der Hand hatte, und fuhr dann fort. Es war eine Geduldsprobe, und sie war die Prüferin, und ich begriff, dass genau das ihre Lust war: nicht das Ende, sondern die Herrschaft über den Weg dorthin.
„Braver Junge”, flüsterte sie, als ich zum dritten Mal durchhielt, und ich spürte, wie ihre Worte fast so tief trafen wie alles andere. Ihr Atem ging jetzt schneller, ihre Bewegungen wurden drängender, und zum ersten Mal hörte ich in ihrer ruhigen Stimme etwas brechen.
„Jetzt”, sagte sie endlich, halb Befehl, halb Bitte, die Stirn an meiner. „Jetzt darfst du. Mit mir. Zusammen.”
Ich ließ los, endlich, und sie mit mir — ich spürte, wie sie sich um mich zusammenzog, hörte, wie das ruhige Selbstbewusstsein in ihrer Stimme einem tiefen, gelösten Laut wich, und für einen langen Moment war die reife Frau, die alles bestimmt hatte, genauso verloren wie ich.
Der Anzug
Wir blieben eine Weile so sitzen, ihr Kopf an meiner Schulter, mein Herz noch laut in den Ohren. Sie fuhr mir mit einem Finger die Brust entlang, langsam, und ich spürte sie lächeln an meiner Haut.
Dann richtete sie sich auf, mit derselben Selbstverständlichkeit, mit der sie mich empfangen hatte, schlüpfte wieder in ihr dunkelrotes Kleid, steckte das Haar hoch und setzte die Brille auf. Aus der Frau, die eben noch auf meinem Schoß gesessen hatte, war wieder die Verkäuferin geworden — makellos, ruhig, unnahbar. Nur der Blick über den Brillenrand war jetzt ein anderer.
„So”, sagte sie und hielt mir das erste Sakko wieder hin. „Jetzt sitzt es.”
Und tatsächlich — als ich vor den dreiteiligen Spiegel trat und sie den Stoff über meinen Schultern glattstrich, sah ich einen anderen Mann als den, der vor einer halben Stunde verschwitzt hereingekommen war. Es lag nicht am Anzug. Es lag an dem, was in ihm steckte, und daran, wer es herausgelassen hatte.
Ich kaufte den Anzug. Ich trug ihn auf der Hochzeit, und jedes Mal, wenn ich seither in einer stillen Seitenstraße an einem dunklen Schaufenster ohne Preisschild vorbeigehe, denke ich an eine reife Frau, die mir zwei Finger unter das Kinn legte und sagte: Halten Sie still. Ich muss Sie sehen.
Manchmal, wenn ich den Anzug aus dem Schrank nehme, glaube ich, ihn noch immer nach Zedernholz riechen zu können — und nach ihr.
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