WG-Tagebuch – Teil 3: Die Wette
Wer Teil zwei kennt, weiß, wo wir standen: Erstsemester-Party in unserer WG, Mia und ich im abgeschlossenen Zimmer, während nebenan fünfzig Leute feierten — und am Sonntagmittag Nele in der zerlegten Küche, die zwei Kaffeebecher hinstellte und sagte, sie hätte durch die dünne Wand alles gehört. Statt eines Vortrags kam ein Funkeln in ihren Augen und ein Satz, der seitdem in der Luft hing: Ich hätte da eine kleine Wette vorzuschlagen. Genau da machen wir weiter.
Ich heiße Jonas, bin dreiundzwanzig, fünftes Semester. Mia ist neunzehn, erstes Semester, gerade volljährig und seit ein paar Wochen die Neue von nebenan. Kevin und Nele sind unsere beiden Mitbewohner — und an diesem Sonntag saßen wir zu viert um den Küchentisch, und ich hatte keine Ahnung, worauf ich mich gleich einlassen würde.
Die Wette
„Setzt euch”, hatte Nele gesagt, und wir hatten uns gesetzt — Mia im übergroßen T-Shirt, ich verkatert, Kevin, den sie aus dem Bett geklingelt hatte, mit zerknautschtem Gesicht und einer Flasche Cola in der Hand.
„Ganz einfach”, fing Nele an und drehte ihren Kaffeebecher zwischen den Handflächen. „Ihr zwei tut die ganze Zeit so, als wäre da nichts. Als würden wir nichts merken. Dabei knistert es in dieser WG, seit Mia eingezogen ist, so laut, dass man kaum schlafen kann.” Ein schiefes Grinsen. „Und ich finde: Wenn wir schon zusammenwohnen, sollten wir aufhören, Theater zu spielen.”
Mia hob eine Augenbraue. „Und deine Wette ist?”
„Ehrlichkeit”, sagte Nele. „Genauer: Wahrheit oder Pflicht. Wir vier, heute Abend, diese Küche, ein paar Flaschen von gestern, die noch übrig sind. Und die Wette ist die: Ich wette, dass keiner von euch beiden es schafft, den ganzen Abend so cool zu bleiben, wie ihr immer tut. Dass ihr nicht mal fünf Runden durchhaltet, ohne übereinander herzufallen.” Sie sah mich an, dann Mia. „Verliert ihr, gebt ihr’s endlich zu. Vor uns. Ganz offen. Kein Versteckspiel mehr.”
Kevin lachte in seine Cola. „Ich bin nur wegen der Show hier”, sagte er und hob die Hände. „Ich spiel Schiedsrichter.”
Ich sah Mia an. Sie sah mich an, und in ihrem Blick lag genau das, was ich fühlte — dieses Kribbeln, das immer kam, wenn jemand versuchte, uns zu einem Spiel herauszufordern, von dem wir längst wussten, dass wir es gewinnen wollten, indem wir verloren.
„Eine Bedingung”, sagte Mia und lehnte sich zurück. „Jeder darf jederzeit passen. Keiner muss irgendwas. Wenn einer stopp sagt, ist stopp.”
„Selbstverständlich”, sagte Nele, und zum ersten Mal klang sie nicht kühl, sondern fast warm. „Das ist die einzige Regel, die zählt.”
Wir gaben uns die Hand. Alle vier. Und ich merkte, wie mein Herz schneller ging — nicht vor Nervosität, sondern vor Vorfreude.
Fünf Runden
Am Abend sah die Küche anders aus. Nele hatte aufgeräumt, die Lichterkette von der Party hing noch, und auf dem Tisch standen zwei halbvolle Flaschen und vier Gläser. Wir saßen enger als am Morgen, Knie an Knie, und der Katers war der guten Laune gewichen.
Die ersten Runden waren harmlos. Kevin musste gestehen, in wen er im ersten Semester verknallt gewesen war. Nele musste verraten, was das Peinlichste war, das sie je in dieser Wohnung getan hatte. Wir lachten viel. Aber mit jeder Runde rückte das Spiel näher an das heran, worum es eigentlich ging.
„Mia”, sagte Nele in der dritten Runde und lächelte. „Wahrheit: Wie oft habt ihr zwei euch schon gedacht, ihr hättet die WG für euch?”
Mia lief rot an, aber sie hielt Neles Blick. „Öfter, als gut für uns war”, sagte sie. „Die Küche. Mein Zimmer. Einmal fast im Bad.” Sie sah mich von der Seite an, mit diesem halben Lächeln, das ich von der Party kannte. „Und jedes Mal war irgendwer früher zu Hause, als er sollte.”
Kevin prustete. Nele nickte anerkennend. „Ehrlich”, sagte sie. „Gut.”
Vierte Runde. Ich, Pflicht — von Kevin, dem Schiedsrichter, der es sich nicht nehmen ließ: „Sag Mia ins Gesicht, quer über den Tisch, was du auf der Party gedacht hast, als sie mit dem Typen aus ihrem Semester getanzt hat.”
Der Raum wurde still. Mia sah mich an, und ich spürte ihren Blick auf meiner Haut wie eine Hand. Ich hätte einen Witz machen können. Ich tat es nicht.
„Ich hab gedacht”, sagte ich langsam, „dass ich dich quer durch den ganzen Flur hätte holen wollen. Dass es mich fertiggemacht hat, zuzusehen, wie du für jemand anderen getanzt hast. Und dass ich in dem Moment wusste, dass ich dich haben will — nicht heimlich, nicht als Geheimnis. Sondern so, dass es alle sehen dürfen.”
Mia atmete hörbar aus. Unter dem Tisch fand ihr Fuß meinen.
„Und da”, sagte Nele leise und stellte ihr Glas ab, „hab ich die Wette gewonnen. Ihr habt keine fünf Runden gebraucht.”
Kein Versteckspiel mehr
Was dann kam, kam nicht überstürzt. Kevin stand als Erster auf, streckte sich, grinste und sagte: „Ich glaube, meine Arbeit als Schiedsrichter ist getan.” Er klopfte mir im Vorbeigehen auf die Schulter. „Ich bin in meinem Zimmer, Kopfhörer auf. Diesmal freiwillig.” Die Tür fiel hinter ihm ins Schloss.
Nele blieb noch einen Moment. Sie sah Mia an, dann mich, und in ihrem Blick war nichts von der kühlen Distanz der ersten Wochen mehr. „Ich war nie sauer, weißt du”, sagte sie zu Mia. „Ich fand nur, ihr solltet aufhören, so zu tun. Das steht euch nicht.” Sie lächelte. „Habt einen schönen Abend. Und, Jonas — die Wand ist wirklich dünn.” Dann war auch sie weg, und Mia und ich saßen allein in der Küche, in der alles angefangen hatte, unter der Lichterkette, die noch von der Party hing.
Mia stand auf, kam um den Tisch herum und setzte sich rittlings auf meinen Schoß, so wie in dieser allerersten Nacht. „Kein Versteckspiel mehr”, sagte sie an meinem Mund. „Ich mag, wie sich das anfühlt.”
Ich küsste sie, und diesmal war da keine Eile, keine Angst mehr, dass jemand zu früh nach Hause kommt. Wir hatten den ganzen Abend, die ganze Wohnung, und zum ersten Mal das Gefühl, dass wir nichts mehr verbergen mussten. Ihre Hände fanden den Saum meines Shirts, meine glitten unter ihr übergroßes T-Shirt und über ihren Rücken, und sie erschauerte, als meine Fingerspitzen die Haut über ihrer Wirbelsäule nachzogen.
„Nicht hier”, flüsterte sie irgendwann atemlos. „Ich will nicht wieder auf der Arbeitsplatte erwischt werden. Mein Zimmer. Tür offen, wenn ich will. Alles anders diesmal.”
Ich hob sie hoch, und sie schlang die Beine um mich, und ich trug sie den Flur hinunter in ihr Zimmer, an Neles Tür vorbei, an Kevins Tür vorbei, und zum ersten Mal war mir völlig egal, wer es hörte. Ich legte sie auf ihr Bett, zog ihr das T-Shirt über den Kopf, und darunter war sie warm und wach und sah mich an, als hätte sie die ganze Woche auf genau diesen Moment gewartet.
„Sag’s noch mal”, flüsterte sie, während ich mir das Shirt vom Körper zog. „Was du am Tisch gesagt hast.”
„Dass ich dich will”, sagte ich an ihrem Hals, ihrem Schlüsselbein, tiefer. „So, dass es alle sehen dürfen.”
Sie stöhnte leise, und diesmal biss sie sich nicht auf den Handrücken, hielt nichts zurück. Ich küsste mich ihren Körper hinunter, über ihre Brüste, wo meine Zunge sie erzittern ließ, weiter über ihren Bauch, bis ich den letzten Rest Stoff über ihre Hüften streifte. Sie hob sich mir entgegen, öffnete die Beine, und als ich sie mit dem Mund fand, warf sie den Kopf zurück und ließ es geschehen, laut, ohne Rücksicht auf die dünnen Wände.
„Endlich”, keuchte sie, die Finger in meinem Haar. „Endlich muss ich nicht mehr leise sein.”
Sie war schon feucht, seit der vierten Runde vermutlich, seit meinem Satz über den Tisch. Ich leckte sie langsam, dann drängender, spürte, wie ihre Hüften den Rhythmus vorgaben, wie ihre Fersen sich in die Matratze gruben. Ihr Atem wurde schneller, ihre Laute ungehemmter, und als sie kam, sagte sie meinen Namen so deutlich, dass ich sicher war, die halbe WG hatte es gehört — und ich merkte, dass mich genau das noch härter machte.
„Jetzt du”, sagte sie, noch bebend, und zog mich an mir hoch. „Und diesmal in aller Ruhe.”
Ich griff nach dem Kondom, und sie sah mir dabei zu, biss sich auf die Lippe, ungeduldig und doch entspannt zugleich. Als ich mich zwischen ihre Beine schob, zog sie mich mit den Fersen näher, und als ich in sie glitt, stöhnten wir beide auf, und sie legte mir die Handfläche an die Wange, hielt meinen Blick fest.
„Kein Geheimnis mehr”, flüsterte sie.
Ich bewegte mich langsam, tiefer, und sie kam mir bei jedem Stoß entgegen, ihre Fingernägel auf meinem Rücken, ihre Stirn an meiner. Es war nichts Gehetztes mehr daran, nichts Verstohlenes — nur wir zwei, so laut und offen, wie wir wollten, in einer Wohnung, in der endlich niemand mehr so tat, als bemerkte er nichts. Sie zog mich enger, flüsterte meinen Namen, immer wieder, und ich spürte, wie sie sich um mich zusammenzog, näher am Rand, als sie zugeben wollte. Als sie kam, hielt sie sich an mir fest und stöhnte in meine Schulter, und dieser Moment kippte mich mit. Ich presste mein Gesicht in ihren Hals, und dann lagen wir da, verschwitzt, keuchend, und lachten beide leise über gar nichts.
Der Morgen danach — richtig diesmal
Am nächsten Morgen kam ich mit Mia zusammen in die Küche, ihre Hand in meiner, und dachte, jetzt würde es peinlich. Wurde es aber nicht. Kevin saß schon am Tisch, löffelte Müsli und hob nur kurz den Blick. „Morgen”, sagte er kauend. „Gut geschlafen?” Und grinste so breit, dass klar war, geschlafen hatte er nicht viel.
Nele stellte gerade Kaffee auf und drehte sich um. Sie sah uns an — Mia im T-Shirt, ich verstrubbelt, unsere Hände ineinander — und lächelte, diesmal ohne jedes Kalkül. „Na”, sagte sie und schob uns zwei volle Becher hin. „War doch nicht so schwer, oder? Endlich mal ehrlich.”
„Du hast deine Wette gewonnen”, sagte ich.
„Ich hab was Besseres gewonnen”, sagte sie und setzte sich zu uns. „Eine WG, in der wieder alle miteinander reden statt aneinander vorbei.”
Mia lehnte den Kopf an meine Schulter, nahm ihren Kaffee und sah in die Runde — zu Kevin, der die Milchpackung rüberreichte, zu Nele, die endlich keine Distanz mehr in den Augen hatte. Gerade volljährig, erstes Semester, frisch eingezogen, und trotzdem war ihr in diesen paar Wochen gelungen, woran andere ein ganzes Jahr scheitern: aus vier Leuten, die zufällig zusammenwohnten, war eine WG geworden, die zusammengehörte.
„Also”, sagte Kevin und schob die leere Müslischale weg. „Nächste Party dann bei euch im Zimmer, ja? Die Wand hält das aus.”
Wir lachten alle vier, und ich merkte, dass zum ersten Mal, seit Mia eingezogen war, nichts mehr in der Luft hing außer Kaffeeduft und Sonntagslicht. Kein Geheimnis, kein Versteckspiel, keine dünnen Wände, hinter denen man leise sein musste. Nur wir vier, unsere kleine WG, und das gute Gefühl, dass alles genau da angekommen war, wo es hingehörte.
Mia drückte meine Hand unter dem Tisch. „Bestes WG-Tagebuch aller Zeiten”, flüsterte sie mir zu.
Ich musste ihr recht geben.
Fortsetzung folgt
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