Au-pair (20): der lange Sommer

Stimmungsbild zu „Au-pair (20): der lange Sommer"

Man erzählt sich viele Dinge über das Au-pair-Jahr im Ausland. Dass man Sprachen lernt. Dass man erwachsen wird. Dass man Menschen kennenlernt, die man nie vergisst. Meine Au-pair Geschichte hat mit all dem zu tun — nur ging es dabei nie um die Sprache, die ich eigentlich lernen sollte, sondern um eine ganz andere, die man nicht in Vokabelheften findet.

Ich heiße Milena, ich war damals zwanzig, und der lange Sommer, von dem ich hier erzähle, hat mich mehr über mich selbst gelehrt als jedes Jahr davor.

Ein leeres Haus am See

Die Familie, bei der ich lebte, hatte ein zweites Haus an einem See, weit weg von der Stadt. Anfang Juli fuhren sie für sechs Wochen ans Meer — Eltern, Kinder, Hund, alles. Ich sollte in der Zeit das Seehaus hüten, die Pflanzen gießen, ab und zu lüften. Sechs Wochen bezahlter Sommer, ganz allein, mit einem Steg, einem Ruderboot und mehr Ruhe, als ich in meinem ganzen Leben gehabt hatte.

Am ersten Abend saß ich auf dem warmen Holz des Stegs, die Füße im Wasser, und dachte: So sieht also Freiheit aus. Zwanzig Jahre alt, ein fremdes Land, ein See, der in der Abendsonne wie flüssiges Kupfer lag. Ich hatte eine Flasche Wein aufgemacht, die niemandem fehlen würde, und fühlte mich zum ersten Mal seit Monaten vollständig bei mir.

Und dann sah ich ihn.

Auf dem Nachbargrundstück, keine dreißig Meter über das Wasser, stand ein Mann am eigenen Steg und zog gerade sein T-Shirt aus, um schwimmen zu gehen. Kein Junge — ein Mann, Ende dreißig vielleicht, breite Schultern, dieser ruhige, gesetzte Körper, den man sich nicht antrainiert, sondern der einfach entsteht, wenn jemand mit sich im Reinen ist. Er sah kurz herüber, hob die Hand zum Gruß, und tauchte dann in einem sauberen Bogen ins Wasser.

Ich hob die Hand zurück, als er längst weg war. Und ich spürte, wie mir die Hitze in die Wangen stieg, die nichts mit dem Wein zu tun hatte.

Der Nachbar

Er hieß Jakob. Ich lernte es am nächsten Morgen, als er über den schmalen Uferpfad kam, mit zwei Tassen Kaffee in der Hand, und fragte, ob ich Lust auf einen hätte. Er war Architekt, sagte er, arbeitete den Sommer über von hier aus, geschieden seit zwei Jahren, keine Kinder in der Nähe. Er sagte all das ohne jede Absicht, einfach so, wie man einer neuen Nachbarin erzählt, wer man ist.

Wir saßen auf meinem Steg, tranken seinen Kaffee, und ich merkte, wie ich redete und redete — über die Familie, über mein Land, über das Studium, das ich danach anfangen wollte. Er hörte zu, wirklich zu, mit einer Aufmerksamkeit, die ich von Männern meines Alters nicht kannte. Die schauten immer schon aufs nächste Ding. Jakob schaute mich an.

„Zwanzig”, sagte er irgendwann und lächelte. „Der beste Sommer deines Lebens könnte das werden.”

„Wieso das?”

„Weil du niemandem etwas beweisen musst. Du bist alt genug, um zu wissen, was du willst — und jung genug, um es einfach zu tun.”

Ich sah ihn an und wusste in dem Moment ganz genau, was ich wollte. Ich war nur noch nicht mutig genug, es auszusprechen.

Lange Abende

Es wurde ein Ritual. Er kam abends herüber, oder ich ging zu ihm. Wir kochten, tranken Wein, redeten bis in die Nacht. Manchmal schwammen wir zusammen im dunklen See, und ich spürte seine Nähe im Wasser wie einen Sog. Er berührte mich nie. Nicht ein einziges Mal in diesen ersten Tagen. Und genau das machte mich fast wahnsinnig.

Denn ich merkte, wie er mich ansah, wenn er dachte, ich bemerke es nicht. Wie sein Blick über meine nassen Schultern glitt, über die Träger meines Bikinis, über meine Lippen, wenn ich am Weinglas nippte. Er begehrte mich — daran gab es keinen Zweifel. Aber er wartete. Er ließ mich entscheiden. Und diese Geduld war das Erotischste, was mir je begegnet war.

Eines Abends, es muss in der zweiten Woche gewesen sein, saßen wir auf seiner Terrasse. Die Luft war schwer und warm, die Grillen sägten, und irgendwo weit draußen zog ein Gewitter vorbei, ohne uns zu erreichen. Ich hatte ein dünnes Sommerkleid an, sonst nichts, und ich wusste, dass er es wusste.

„Warum fasst du mich nicht an?”, fragte ich schließlich. Meine Stimme war leiser, als ich wollte.

Er stellte sein Glas ab und sah mich lange an. „Weil ich will, dass du mich darum bittest”, sagte er. „Weil ich nichts nehmen will, was du mir nicht gibst.”

Mein Puls schlug mir bis in den Hals. „Und wenn ich es dir gebe?”

„Dann”, sagte er und stand langsam auf, „bekommst du meine volle Aufmerksamkeit. Die ganze Nacht.”

Die erste Nacht

Ich stand auch auf. Zwischen uns war vielleicht ein Meter, der sich anfühlte wie nichts und wie alles zugleich. Ich machte den Schritt. Ich legte meine Hände auf seine Brust, spürte, wie fest und warm er war, und sagte das eine Wort, das ich seit Tagen zurückgehalten hatte: „Bitte.”

Er küsste mich, und es war kein hastiger Kuss, kein gieriges Zupacken. Es war langsam, gründlich, als hätte er alle Zeit der Welt. Seine Hand legte sich in meinen Nacken, die andere an meine Hüfte, und er zog mich an sich, bis ich durch den dünnen Stoff spürte, wie sehr er mich wollte. Ich stöhnte in seinen Mund, und ich fühlte, wie er lächelte.

„Langsam”, murmelte er an meinen Lippen. „Wir haben die ganze Nacht.”

Er schob die Träger meines Kleides über die Schultern, und der Stoff fiel einfach zu Boden. Ich stand nackt vor ihm auf seiner Terrasse, im warmen Wind, und er trat einen Schritt zurück, nur um mich anzusehen. Kein Mann hatte mich je so angesehen — als wäre ich etwas, das man in Ruhe betrachten muss, bevor man es berührt.

„Wunderschön”, sagte er leise, und ich glaubte ihm jedes Wort.

Dann zog er mich hinein, aufs Bett, und nahm sich Zeit. So viel Zeit. Seine Lippen wanderten meinen Hals hinunter, über meine Brüste, an denen er verweilte, bis ich mich unter ihm wand. Weiter über meinen Bauch, meine Hüften, die Innenseite meiner Schenkel. Als seine Zunge mich endlich fand, war ich schon so bereit, dass mir bei der ersten Berührung ein Laut entfuhr, den ich nicht kannte.

Er ließ sich nicht drängen. Er las jede Reaktion meines Körpers, jedes Zucken, jedes Anhalten des Atems, und richtete sich danach. Wenn ich zu hoch kam, hielt er inne, ließ mich atmen, führte mich wieder hinauf. Immer und immer wieder, bis ich seine Haare zwischen meinen Fingern verkrallte und bettelte, dass er nicht aufhört. Und dann tat er es doch, und ich kam so heftig, dass mein ganzer Körper zitterte, meine Fersen sich ins Laken gruben und ich seinen Namen in die Nacht rief.

Der lange Sommer

Danach zog er mich an sich, atemlos wie ich, und wir lagen einfach da, während draußen das ferne Gewitter grollte. „Und du?”, fragte ich, als ich wieder sprechen konnte.

„Wir haben Zeit”, sagte er nur und küsste meine Schläfe. „Der Sommer ist lang.”

Er war lang. Er wurde der längste, schönste Sommer meines Lebens, und ich verbrachte kaum noch eine Nacht in dem leeren Familienhaus. Ich lernte in diesen Wochen mehr über meinen eigenen Körper als in all den Jahren davor — weil Jakob mir Dinge zeigte, nach denen ich mich nie zu fragen getraut hätte. Er brachte mir bei, langsam zu sein. Zu spüren, wo genau die Lust wohnt und wie man sie hinauszögert, bis sie fast unerträglich wird und dann umso heller aufbricht.

Wir liebten uns überall. Morgens, wenn die Sonne über den See kroch und wir vom Steg direkt ins Bett fielen, noch nass, noch atemlos vom Schwimmen. Mittags in der Hängematte, wo ich rittlings auf ihm saß und den Rhythmus bestimmte, während er meine Hüften hielt und mir dabei zusah, wie ich mich nahm, was ich wollte. Nachts auf dem Steg unter einem Himmel voller Sterne, das Holz warm unter meinem Rücken, das Wasser ganz nah, sein Körper über mir, in mir, unhörbar bis auf unser Atmen und das leise Schlagen der Wellen.

Er fragte mich einmal, ob es mir zu viel sei, dass er so viel älter war. Ich lachte und zog ihn an mir hinunter. „Es ist genau richtig”, sagte ich. „Ein Junge hätte längst aufgehört zuzuhören.”

Was mir blieb

In der letzten Woche wurden wir beide stiller. Wir wussten, was kam. Die Familie würde zurückkehren, ich würde in die Stadt zurückmüssen, und dieser See mit seinem Nachbarhaus würde wieder das werden, was er vorher gewesen war: ein Ort auf einer Landkarte. Wir sprachen nicht viel darüber. Wir liebten uns nur öfter, langsamer, als wollten wir uns jeden Moment einprägen.

An unserem letzten Abend saßen wir wieder auf dem Steg, an dem alles begonnen hatte, die Füße im Wasser wie am ersten Tag. Er legte den Arm um mich, und ich lehnte den Kopf an seine Schulter.

„Bereust du etwas?”, fragte er.

„Kein einziges Bisschen”, sagte ich, und es war die reinste Wahrheit, die ich je gesprochen hatte.

Am nächsten Morgen fuhr ich zurück in die Stadt, in das andere Leben, in die Sprache, die ich eigentlich hatte lernen sollen. Aber ich nahm etwas mit, das in keinem Vokabelheft steht. Ich hatte gelernt, was ich will, und ich hatte gelernt, es zu sagen. Ich war als Mädchen an diesen See gekommen und fuhr als Frau zurück, die weiß, was sie ist.

Manchmal, wenn ich abends allein bin und die Fenster offen stehen und irgendwo Grillen zirpen, schließe ich die Augen und bin wieder dort. Auf dem warmen Holz, das Wasser an meinen Füßen, seine Stimme an meinem Ohr, die sagt: Langsam. Wir haben Zeit.

Es war nur ein Sommer. Aber es war mein Sommer. Und keine andere Au-pair Geschichte, die ich je hörte, kam ihm auch nur nahe.