High Heels und ihre Macht

Stimmungsbild zu „High Heels und ihre Macht"

Es gibt Frauen, die wissen von Anfang an, welche Waffe sie an den Füßen tragen. Ich gehörte lange nicht dazu. Ich zog meine High Heels an, weil sie zu dem Kleid passten, weil man das eben so macht, weil sie mich größer und aufrechter aussehen ließen. Dass ein High-Heels-Fetisch kein albernes Männer-Klischee ist, sondern eine Macht, die man über einen Mann ausüben kann wie einen Hebel — das habe ich erst an einem einzigen Abend gelernt. An dem Abend, an dem ich Tobias das erste Mal wirklich dabei ertappte.

Ich heiße Nadja, bin einunddreißig, und das hier ist die Geschichte, wie ich herausfand, dass meine Absätze lauter sprechen als alles, was ich je gesagt habe.

Der Blick, den er nicht verbergen konnte

Wir waren zu dem Zeitpunkt seit ein paar Monaten zusammen. Tobias war höflich, aufmerksam, ein bisschen zu zurückhaltend für meinen Geschmack — einer von den Männern, die dir die Tür aufhalten und dabei nie ganz sagen, was sie eigentlich denken. Ich mochte ihn. Aber ich hatte das Gefühl, es fehlte etwas, ein Funke, der nicht zünden wollte.

Bis zu jenem Freitag.

Wir wollten ausgehen, und ich stand im Schlafzimmer vor dem Bett, auf dem drei Paar Schuhe lagen. Ich hielt die neuen in der Hand — schwarze Pumps, zwölf Zentimeter Absatz, dünn und spitz wie eine Nadel, mattes Lackleder, das im Lampenlicht einen einzigen scharfen Streifen warf. Ich setzte mich auf die Bettkante und begann, sie anzuziehen. Erst der eine Fuß. Ich strich mit dem Daumen über den Rist, zog den Riemen straff, ließ die Ferse in die Schale gleiten.

Und dann sah ich auf.

Tobias stand in der Tür und starrte. Nicht auf mein Gesicht, nicht auf meine Beine — auf meine Füße. Auf den Moment, in dem mein nackter Fuß in den Schuh glitt und der Absatz den Boden fand. Sein Blick hing daran, als hätte man ihn festgetackert, und für einen Augenblick vergaß er, dass ich ihn ansehen konnte. Sein Mund stand einen Spalt offen. Sein Adamsapfel bewegte sich.

„Was ist?”, fragte ich, und ich hörte selbst, dass meine Stimme anders klang. Tiefer. Neugierig.

Er zuckte zusammen, als hätte ich ihn geweckt. „Nichts”, sagte er schnell, viel zu schnell, und wurde rot bis zu den Ohren. „Die Schuhe. Die stehen dir.”

Die stehen dir. Ich sah ihn an, ich sah die Farbe in seinem Gesicht, das Flackern in seinen Augen, und in mir klickte etwas ein wie ein Schlüssel in einem Schloss. Er log. Und ich wollte auf einmal ganz genau wissen, worüber.

Das Experiment

Ich zog auch den zweiten Schuh an, ganz langsam diesmal, und ich beobachtete ihn dabei aus den Augenwinkeln, wie man ein scheues Tier beobachtet. Sein Blick folgte jeder Bewegung. Als der Absatz zum zweiten Mal auf den Dielenboden traf — dieses helle, harte Klack —, sah ich, wie er kurz die Luft anhielt.

Ich stand auf. Ich war jetzt fast so groß wie er. Ich ging einen Schritt auf ihn zu, absichtlich langsam, und ließ die Absätze bei jedem Schritt sprechen. Klack. Klack. Klack. Über die Holzdielen, ein Geräusch, das den ganzen Raum ausfüllte. Ich sah, wie es ihn traf, jedes einzelne Mal, wie ein Finger, der über etwas Empfindliches fährt.

„Tobias”, sagte ich und blieb dicht vor ihm stehen. „Sieh mich an.”

Er hob den Blick, mühsam, von meinen Füßen weg. Und ich sah, dass er nicht nur verlegen war. Er war erregt. Deutlich. Die Hose log noch schlechter als sein Mund.

„Du magst die Schuhe”, sagte ich leise. Keine Frage.

„Ich —” Er schluckte. „Ja.”

„Nicht das Kleid. Nicht mich. Die Schuhe.”

Er sah aus, als wollte er im Boden versinken, und gleichzeitig konnte er die Augen nicht davon lassen. „Es ist … Ich weiß, es ist komisch”, stammelte er. „Ich hab das noch nie jemandem gesagt. High Heels, sie … Der Klang. Wie du damit gehst. Ich —” Er brach ab und sah weg, beschämt.

Und in diesem Moment, in dem er so verwundbar dastand und mir das Geheimnis in die Hand legte, das er bei sich getragen hatte wie eine Scham, geschah etwas mit mir. Ich hatte erwartet, es vielleicht seltsam zu finden. Stattdessen spürte ich eine Wärme, die mir in den Bauch stieg und tiefer wanderte. Ich mochte, wie er mich ansah. Ich mochte die Macht, die mir dieser dünne Absatz unter meinem Fuß offenbar in die Hand gab.

„Komisch”, wiederholte ich und lächelte langsam. „Wir gehen heute nicht aus.”

Zu meinen Füßen

Ich schloss die Schlafzimmertür mit dem Absatz — ein kleiner Stoß, wieder dieses harte Klacken —, und Tobias’ Atem ging schneller. Ich setzte mich zurück auf die Bettkante, schlug ein Bein über das andere, sodass der Schuh in der Luft baumelte, die spitze Spitze auf ihn gerichtet.

„Komm her”, sagte ich. „Auf die Knie.”

Er zögerte einen Herzschlag lang. Dann sank er auf den Boden, vor mir, seine Augen auf Höhe meiner Füße, und ich sah, wie sich seine Brust hob und senkte.

„Du wolltest den ganzen Abend hierher sehen”, sagte ich und ließ den Schuh ein wenig wippen. „Jetzt darfst du.”

Ich beobachtete, wie sich sein Blick an dem Absatz festsaugte, an der Wölbung meines Fußes in dem straffen Lack, an dem schmalen Streifen Haut über der Schale des Schuhs. Er atmete durch den offenen Mund. Ich streckte den Fuß aus, ganz langsam, bis die Spitze des Schuhs seine Brust berührte, und drückte sanft dagegen.

„Fass ihn an”, sagte ich.

Seine Hände kamen hoch, zittrig, und legten sich um meinen Knöchel. Behutsam, als wäre der Schuh etwas Zerbrechliches. Seine Finger wanderten über das Leder, über den dünnen Riemen, den steilen Bogen, in dem mein Fuß gespannt lag. Er berührte mich, als würde er beten. Und ich, die ich dachte, das hier wäre ein Gefallen an ihn, spürte, wie mein eigener Atem flacher wurde.

„Küss ihn”, flüsterte ich.

Er sah kurz auf, um sich zu vergewissern, dass ich es ernst meinte. Ich nickte. Und dann senkte er den Kopf und drückte seine Lippen auf den Spann meines Schuhs, auf das kühle Leder, auf den Bogen meines Fußes darüber, wieder und wieder, und ein Laut entkam ihm, ein leises Stöhnen, das er nicht zurückhalten konnte. Ich spürte seine Lippen durch den dünnen Nylon meines Strumpfes, seinen warmen Atem, und zwischen meinen Beinen zog sich alles zusammen.

Ich ließ ihn eine ganze Weile gewähren. Ich sah zu, wie ein erwachsener Mann vor mir kniete und meine Schuhe küsste, als hinge sein Leben davon ab, und mit jeder Minute wuchs etwas in mir, das ich vorher nicht gekannt hatte. Kontrolle. Und Lust an dieser Kontrolle.

„Zieh ihn aus”, sagte ich schließlich. „Den rechten. Langsam.”

Er löste den Riemen mit unendlicher Sorgfalt, zog den Schuh von meiner Ferse, und ich sah, wie schwer es ihm fiel, ihn loszulassen. Mein Fuß war jetzt nur noch im hauchdünnen Strumpf, und Tobias hielt den leeren Schuh in beiden Händen wie einen Pokal.

„Der Fuß auch”, sagte ich und streckte ihn ihm entgegen.

Er nahm ihn, presste seine Wange an meine Sohle, seine Lippen an den Ballen, den Spann, und atmete meinen Duft ein, als wäre es das Kostbarste, das er je gerochen hatte. Ich lehnte mich auf den Ellbogen zurück und beobachtete ihn, dieses ganze hingegebene Gesicht, und ich merkte, dass ich längst nicht mehr nur ein Spiel spielte.

Wer hier bestimmt

„Auf das Bett”, sagte ich und zog den Fuß zurück. „Auf den Rücken.”

Er gehorchte sofort. Ich stand auf, mit nur einem Schuh, humpelte einen Schritt, lachte, streifte den zweiten ab und stand dann barfuß über ihm. Nein — nicht barfuß. Ich griff nach dem Schuh, den er noch in der Hand hielt, und stellte ihn zwischen uns aufs Laken, den Absatz nach oben, ein kleines Denkmal für das, was diesen Abend gedreht hatte.

Ich zog mir das Kleid über den Kopf. Darunter trug ich fast nichts, und Tobias’ Blick wanderte endlich hoch, an meinem Körper entlang, aber ich sah, wie er immer wieder zu dem Schuh zurückkehrte, der neben uns stand.

„Du darfst mich anfassen”, sagte ich und kniete mich über ihn. „Aber du sagst mir, was der Schuh mit dir macht. Alles.”

Und er redete. Stockend zuerst, dann freier, während seine Hände über meine Hüften strichen. Wie das Klacken auf dem Boden ihm durch den ganzen Körper fahre. Wie der Anblick meines Fußes, gespannt in diesem steilen Bogen, ihn seit dem ersten Abend verfolge. Wie er sich manchmal vorgestellt habe, dass ich vor ihm stehe und er nichts tun darf, außer zuzusehen und zu warten, bis ich ihm erlaube — irgendwas.

Ich streifte mir den letzten Strumpf ab, führte seine Hand zwischen meine Beine, damit er fühlte, wie feucht mich das gemacht hatte, sein Geständnis, seine Hingabe, die Macht, die ich über ihn hatte. Er stöhnte, als er merkte, wie erregt ich war.

„Fühlst du das?”, flüsterte ich. „Das machst du. Damit, dass du dich mir so ausgeliefert hast.”

Ich schob mich auf ihn, langsam, ließ ihn in mich gleiten, und ich behielt dabei das Kommando — mein Tempo, meine Bewegung, meine Hände auf seiner Brust, die ihn ins Laken drückten. Neben uns stand der Schuh, der Absatz wie ein spitzer Zeiger, und wann immer Tobias hinsah, spürte ich, wie es ihn durchzuckte, wie er noch härter wurde in mir.

„Sag es”, verlangte ich, während ich mich auf ihm bewegte. „Wem gehörst du?”

„Dir”, keuchte er. „Dir. Und —” Er sah zu dem Schuh, dann zu mir, und in seinen Augen lag alles. „Dir. Ganz.”

Ich ritt ihn schneller, härter, ich nahm mir, was ich wollte, und er ließ es geschehen, ergeben, bettelnd, die Finger in das Laken gekrallt. Und als ich kam, kam ich mit einem Laut, den ich vorher nie von mir gehört hatte — laut, befehlend, triumphierend. Sekunden später folgte er mir, zitternd am ganzen Körper, meinen Namen und ein einziges, atemloses „bitte” auf den Lippen.

Was mir die Absätze verrieten

Danach lagen wir da, verschwitzt, der eine Schuh immer noch aufrecht zwischen uns, ein kleiner absurder Zeuge. Tobias lachte leise, ungläubig, das Gesicht offen wie nie zuvor. „Ich dachte, du findest es abartig”, sagte er.

„Ich fand es”, sagte ich und rollte mich auf ihn, „das Aufregendste, das mir seit langem passiert ist.”

Denn das war die Wahrheit, und sie überraschte mich mehr als ihn. Ich hatte geglaubt, ich gäbe ihm einen Gefallen, spielte ein bisschen mit. Aber was ich an diesem Abend über einen High-Heels-Fetisch gelernt hatte, war etwas über mich. Dass es mich anmachte, die Kontrolle zu haben. Dass dieser dünne Absatz, dieses harte Klacken über den Boden, der Anblick eines Mannes, der vor meinen Schuhen kniete — dass all das eine Tür in mir geöffnet hatte, hinter der eine Frau stand, von der ich nicht gewusst hatte, dass ich sie war.

Am nächsten Morgen, beim Kaffee, sah ich ihn an, wie er die Tasse hielt, und ich wusste: Das war erst der Anfang. Ich würde die Schuhe wieder anziehen. Und diesmal würde ich vorher genau wissen, was jeder einzelne Schritt mit ihm anstellte.

Manche Frauen wissen von Anfang an, welche Macht sie an den Füßen tragen. Ich hatte lange gebraucht. Aber jetzt, wo ich es wusste, würde ich es nie wieder vergessen.