Meine erste Frau

Stimmungsbild zu „Meine erste Frau"

Ich hatte nie geglaubt, dass es mir passieren könnte. Nicht mit einunddreißig, nicht als Frau, die verlobt war, die Ringe schon ausgesucht hatte, die ihr Leben für vollständig hielt. Lesben Geschichten waren für mich immer etwas gewesen, das andere Frauen betraf — mutigere, wildere, andere. Bis Juli kam. Bis eine Frau mit tonverschmierten Händen in einer heißen Werkstatt an einem Freitagabend meine ganze sorgfältig gebaute Gewissheit umkippte wie eine unfertige Vase auf der Töpferscheibe.

Ich heiße Marlene. Und das hier ist die Geschichte meiner ersten Frau.

Wie ich in den falschen Kurs geriet

Es war Simons Idee gewesen, dass ich mir ein Hobby suche. „Du arbeitest zu viel”, hatte mein Verlobter gesagt, halb besorgt, halb erleichtert, dass ich abends dann nicht mehr an ihm herumnörgeln würde. Also buchte ich einen Töpferkurs im Kulturzentrum, dienstags und freitags, weil mir das erwachsen und beruhigend vorkam. Ich stellte mir vor, wie ich in einer Schürze schöne, symmetrische Schüsseln formen würde. Ordnung aus Chaos. So wie ich mein ganzes Leben führte.

Am ersten Freitag kam ich zu spät. Die Werkstatt war warm und roch nach nasser Erde und Staub, und an den langen Scheiben saßen ein halbes Dutzend Leute. Und vorne, mit hochgekrempelten Ärmeln und einem Strich getrockneten Tons quer über der Wange, stand die Kursleiterin.

„Du musst Marlene sein”, sagte sie und wischte sich die Hand an der Schürze ab, bevor sie sie mir hinhielt. „Ich bin Juli.”

Ihre Hand war rau und warm und noch ein bisschen feucht vom Ton. Sie hielt meine einen Moment zu lang, oder ich bildete es mir ein, und sah mich dabei an mit diesen dunklen, amüsierten Augen, als hätte sie einen Witz gemacht, den nur sie verstand. Juli war vielleicht fünfunddreißig, mit kurzen dunklen Haaren, die aussahen, als hätte sie sie sich selbst geschnitten, und einer Art, sich zu bewegen, die ich sofort beneidete — dieses Selbstverständliche, dieses In-sich-Ruhende, das ich nie besessen hatte.

„Setz dich zu mir”, sagte sie. „Bei der ersten Stunde zeig ich dir die Scheibe direkt mit den Händen.”

Ich setzte mich. Und ich merkte, wie mir schon warm wurde, und schob es auf den Ofen im Nebenraum.

Ihre Hände auf meinen

Die Töpferscheibe ist ein intimes Handwerk, das wusste ich vorher nicht. Man sitzt gebeugt, die Beine gespreizt um einen kalten, sich drehenden Klumpen, und man muss ihn festhalten, mit Druck, mit Geduld, mit dem ganzen Körper. Ich war schlecht darin. Mein Ton torkelte, wackelte, sackte immer wieder zu einer traurigen Beule zusammen.

„Du drückst zu vorsichtig”, sagte Juli. Sie war hinter mich getreten, ich hatte sie nicht kommen hören. „Darf ich?”

Bevor ich antworten konnte, waren ihre Hände auf meinen. Sie legte sich fast über mich, ihre Brust an meinem Rücken, ihr Kinn beinahe an meiner Schulter, und führte meine Finger in den nassen Ton. „Fühl den Widerstand”, sagte sie leise, direkt an meinem Ohr. „Nicht kämpfen. Führen. Du musst wissen, was du willst, dann folgt er dir.”

Ich hörte nicht mehr, was sie über den Ton sagte. Ich spürte nur ihre Hände, die meine umschlossen, warm und fest, den Druck ihres Körpers an meinem, ihren Atem an meinem Hals. Zwischen meinen Fingern wuchs auf einmal, ganz von selbst, eine glatte, hohe Wand aus dem Klumpen empor, und ich hatte keine Ahnung, wie. Ich zitterte. Und es war weder kalt noch anstrengend.

„Siehst du?”, sagte sie und lehnte sich zurück, und ihre Hände glitten von meinen. Die Stelle, wo sie gewesen waren, fühlte sich plötzlich nackt an. „Du kannst es. Du musst es dir nur erlauben.”

Ich sah sie an und wusste in diesem Moment mit einer Klarheit, die mir den Boden unter den Füßen wegzog, dass sie nicht mehr über Ton sprach. Und das Schlimmste war: Ich wollte, dass sie recht hatte.

Die Wochen, in denen ich mir alles einredete

Ich erzählte Simon von dem Kurs. Ich erzählte ihm, wie geduldig die Leiterin sei, wie gut sie erklären könne. Ich erzählte ihm nicht, dass ich am Mittwoch, mitten in einer Besprechung, an ihre Hände dachte. Ich erzählte ihm nicht, dass ich mir dienstags und freitags mehr Mühe mit meinem Aussehen gab als bei unseren eigenen Verabredungen. Ich erzählte mir selbst, dass das alles nichts bedeutete.

Es gibt einen ganzen Stapel Lügen, die man sich erzählt, wenn man nicht wahrhaben will, was mit einem passiert. Ich bewundere sie einfach. Ich hätte gern ihre Ausstrahlung. Es ist normal, Frauen schön zu finden. Ich stapelte diese Lügen ordentlich übereinander, wie ich alles ordentlich stapelte, und tat so, als würde der Stapel nicht bei jeder Berührung ihrer Hand ein Stück weiter ins Wanken geraten.

Juli machte es mir nicht leichter. Sie war mit allen im Kurs freundlich, aber bei mir blieb sie länger stehen. Sie fand Gründe, meine Haltung zu korrigieren. Sie sah mich an, wenn ich aufblickte, und wandte den Blick nicht ab, sondern lächelte, langsam, als hätten wir ein Geheimnis, von dem ich noch nichts wusste. Einmal, als ich mir Ton von der Wange wischen wollte und ihn nur verschmierte, trat sie heran, nahm mein Kinn zwischen zwei Finger und wischte ihn mit dem Daumen selbst weg. „Halt still”, sagte sie, und ich hielt still, und mein Herz schlug so laut, dass ich sicher war, sie könne es hören.

An diesem Abend saß ich in meinem Auto auf dem Parkplatz und weinte, ohne zu wissen, warum. Nur dass zum ersten Mal in meinem Leben etwas an mir zog, das stärker war als all meine Pläne, meine Ringe, meine ordentlich gestapelten Gewissheiten. Und dass es mich zu Tode erschreckte, wie sehr ich diesem Ziehen folgen wollte.

Der Abend, an dem ich blieb

Es war der letzte Freitag im Juli, und der Kurs neigte sich dem Ende zu. Die anderen waren gegangen, einer nach dem anderen, bis nur noch Juli und ich in der warmen Werkstatt standen, umgeben von halbfertigen Schalen und dem beruhigenden Summen des Brennofens.

„Bleib noch”, sagte sie, während sie die Scheiben abwischte. „Ich mach uns einen Wein auf. Als Belohnung, dass du durchgehalten hast. Du wolltest doch nach der zweiten Stunde aufgeben.”

Ich hätte nein sagen sollen. Simon wartete. Aber ich sagte ja, und meine Stimme klang fremd in meinen Ohren.

Sie holte eine Flasche aus einem Schränkchen und zwei nicht ganz saubere Gläser und setzte sich neben mich auf die Werkbank, so nah, dass sich unsere Knie berührten. Wir tranken. Wir redeten. Sie erzählte von den Jahren, die sie gebraucht hatte, um zu sich selbst zu finden — sie sagte es nicht so, aber ich verstand es so. Ich erzählte von Simon, von der Verlobung, von dem Leben, das so sicher aussah, und je mehr ich davon erzählte, desto weniger glaubte ich mir selbst.

Irgendwann wurde ich still. Juli sah mich an, lange, ohne zu lächeln diesmal.

„Warum bist du wirklich noch hier, Marlene?”, fragte sie leise.

Ich öffnete den Mund, um eine meiner ordentlichen Lügen zu sagen. Aber es kam keine. Stattdessen fingen meine Augen an zu brennen. „Ich weiß es nicht”, flüsterte ich. „Doch. Ich weiß es. Und das ist das Problem.”

Sie stellte ihr Glas ab. Dann hob sie die Hand und strich mir eine Haarsträhne hinters Ohr, ganz langsam, und ihre Fingerspitzen zogen eine Spur über meine Wange, meinen Kiefer, meinen Hals. Ich hörte auf zu atmen.

„Du darfst gehen”, sagte sie leise. „Jederzeit. Die Tür ist offen. Sag ein Wort, und ich rühr dich nicht an.”

Ich rührte mich nicht. Ich sagte kein Wort.

Und dann küsste sie mich.

Meine erste Frau

Ihr Mund war weich, so unfassbar weich, ganz anders als alles, was ich kannte. Sie küsste nicht, um etwas zu nehmen. Sie küsste, um zu fühlen, langsam, forschend, und ich spürte, wie sich in mir etwas löste, das ich mein Leben lang festgehalten hatte, ohne zu wissen, dass ich es hielt. Ein Damm. Er brach nicht laut. Er löste sich einfach auf.

Ich küsste sie zurück. Ungeschickt zuerst, dann mit einem Hunger, der mich selbst erschreckte. Meine Hände fanden ihren Nacken, ihre kurzen Haare, und sie schmeckte nach Wein und nach etwas, das ich sofort wiederhaben wollte. Sie machte ein leises Geräusch in meinen Mund, ein Lächeln fast, und zog mich näher, bis ich halb auf ihrem Schoß saß, mein Kleid hochgeschoben, ihre Hände auf meinen bloßen Schenkeln.

„Ganz ruhig”, murmelte sie an meinen Lippen. „Wir haben Zeit. Ich zeig dir alles.”

Sie glitt von der Werkbank und zog mich mit sich auf die alte Couch in der Ecke, die ich bisher kaum bemerkt hatte. Sie zog mir das Kleid über den Kopf, langsam, und ihre Augen wanderten über meinen Körper, als wäre er etwas Kostbares, und zum ersten Mal in meinem Leben fühlte ich mich unter einem Blick nicht bewertet, sondern gewollt. Sie küsste meinen Hals, mein Schlüsselbein, die Rundung meiner Brust, und ihre Hände waren überall — diese rauen, geschickten Töpferhände, die wussten, wie man Druck und Zärtlichkeit dosiert, wie man führt, ohne zu drängen.

Als ihr Mund meine Brustwarze fand und ihre Zunge langsam kreiste, bäumte ich mich auf und stöhnte auf eine Art, wie ich es noch nie getan hatte. Sie sah zu mir hoch, dunkle Augen, dieses Lächeln. „So klingst du also”, sagte sie. „Das will ich noch viel öfter hören.”

Sie küsste sich meinen Bauch hinab, langsam, unerbittlich langsam, während ihre Finger den letzten Stoff über meine Beine streiften. Ich lag nackt vor einer Frau, zum ersten Mal in meinem Leben, in einer nach Ton riechenden Werkstatt, und ich hatte noch nie in meinem Leben etwas so sehr gewollt.

Wie sie mir zeigte, was ich war

Juli ließ sich Zeit, als hätte sie die ganze Nacht und den ganzen nächsten Tag und mein ganzes restliches Leben. Ihre Hände strichen über die Innenseiten meiner Schenkel, drückten sie sanft auseinander, und sie küsste sich langsam nach oben, bis ihr Atem warm auf mir lag und ich vor Erwartung fast wahnsinnig wurde.

„Sag mir, wenn du willst, dass ich aufhöre”, flüsterte sie.

„Hör nicht auf”, brachte ich heraus. „Bitte hör nicht auf.”

Und dann berührte ihre Zunge mich, und ich verlor jeden Gedanken, jede Lüge, jeden Stapel. Sie leckte mich langsam, ganz langsam, lernte mich kennen, fand die Stelle, an der ich mich unter ihr wand, und blieb dort, kreisend, saugend, mit einer Geduld, die mich um den Verstand brachte. Kein Mann hatte je so mit mir umgehen können — nicht, weil sie besser war, sondern weil sie wusste. Weil ihr Körper und meiner dieselbe Sprache sprachen. Sie fühlte, was ich fühlte, und gab es mir zurück, gesteigert, verstärkt, bis ich mit den Fingern in ihre Haare griff und ihren Namen sagte, wieder und wieder.

Sie schob einen Finger in mich, dann einen zweiten, langsam, während ihre Zunge weiterarbeitete, und der Druck von innen und außen zugleich war so viel, dass ich glaubte, den Verstand zu verlieren. Meine Hüften kamen ihr entgegen, ganz von selbst, und sie fing meinen Rhythmus auf, verstärkte ihn, trieb mich höher und höher, bis ich am Rand stand und mich fürchtete zu fallen.

„Lass los”, murmelte sie an mir. „Ich hab dich. Lass einfach los.”

Und ich ließ los. Es überrollte mich wie eine Welle, die von den Fußsohlen bis in die Kopfhaut lief, ein Höhepunkt, der mich schluchzen ließ, der so viel mehr war als körperlich — als würde ein ganzes falsch gelebtes Leben in einem einzigen Moment richtiggestellt. Ich zitterte, ich lachte, ich weinte fast, und Juli kroch zu mir hoch und hielt mich, während es durch mich hindurchbebte, und küsste meine Schläfe.

„Willkommen”, flüsterte sie und lächelte. „Willkommen zu Hause.”

Was ich ihr zurückgeben wollte

Ich hätte einfach liegen bleiben können, überwältigt, halb aufgelöst. Aber ich wollte mehr. Ich wollte sie. Zum ersten Mal in meinem Leben wollte ich einen anderen Körper mit einer Gier erkunden, die aus mir kam wie aus einer Quelle, von der ich nicht gewusst hatte, dass sie in mir sprudelte.

Ich richtete mich auf und begann, ihr die Knöpfe der Bluse zu öffnen, ungeschickt, ungeduldig, und sie lachte leise und ließ mich machen. „Kein Grund zur Eile”, sagte sie, aber ich hatte jeden Grund zur Eile. Ich zog ihr die Bluse von den Schultern, öffnete den BH, und dann lag sie halb vor mir, und ich sah zum ersten Mal eine Frau so an, wie ich immer angesehen worden war — mit purem, hungrigem Wollen.

Ich küsste ihre Brüste, unsicher zuerst, dann mutiger, als ich hörte, wie sich ihr Atem veränderte. Ich lernte sie mit dem Mund kennen, so wie sie mich gelernt hatte, und jedes Geräusch, das ich ihr entlockte, machte mich kühner. Ich küsste mich hinab über ihren Bauch, so wie sie es getan hatte, und als ich zwischen ihren Beinen ankam und zögerte, hob sie den Kopf und sah mich an.

„Du musst nichts können”, sagte sie sanft. „Mach einfach, was du selbst gern spürst. Du weißt es besser, als du denkst.”

Also tat ich es. Ich schmeckte sie, zaghaft zuerst, dann mit wachsender Sicherheit, und ihr leises Stöhnen war die beste Landkarte, die ich mir wünschen konnte. Ich folgte ihren Lauten, wurde langsamer, wo sie den Atem anhielt, blieb, wo sie meinen Namen seufzte. Ihre Finger krallten sich in meine Haare, ihre Hüften hoben sich mir entgegen, und ich fühlte eine Macht, die ich noch nie gefühlt hatte — die Macht, einer Frau, dieser Frau, Lust zu schenken, sie höher zu treiben, sie beben zu lassen. Als sie kam, sagte sie meinen Namen so, wie ihn noch nie jemand gesagt hatte, und ich hielt sie fest, während es durch sie hindurchlief, stolz und atemlos und vollkommen verwandelt.

Danach lagen wir ineinander verschlungen auf der schmalen Couch, verschwitzt, verschränkt, und ich horchte in mich hinein und wartete auf die Reue, die kommen musste. Auf die Panik. Auf den Stapel Lügen, der sich wieder aufbauen wollte.

Nichts kam. Nur eine Ruhe, wie ich sie nie gekannt hatte. Zum ersten Mal fühlte ich mich nicht falsch in meiner eigenen Haut.

Was danach blieb

Ich weiß, was du denkst. Dass es eine Nacht war, ein Rausch, ein Fehler, den man am Morgen bereut. Aber so war es nicht. Diese lesben Geschichten, die man liest, enden oft im Nebel, in Andeutungen, als traute sich niemand, das Danach zu erzählen. Ich erzähle es dir.

Ich habe die Verlobung gelöst. Es war das Schwerste, was ich je getan habe, und Simon verdiente es nicht, so verletzt zu werden — aber er verdiente auch keine Frau, die ihn nur als Teil eines Stapels ordentlicher Lügen geheiratet hätte. Ich habe ihm nicht alles erzählt. Nur, dass ich mich selbst gefunden hatte und dass die Frau, die er heiraten wollte, so nie existiert hatte.

Juli und ich sind nicht sofort ein Paar geworden. Es war komplizierter als das, ehrlicher, langsamer. Aber der Töpferkurs wurde zu unserem Ort, und die alte Couch in der Ecke bekam mit der Zeit eine Geschichte, die niemand außer uns kannte. Ich lernte, was ich mit einunddreißig Jahren nie über mich gewusst hatte — und ich lernte, dass es nie zu spät ist, sich selbst zum ersten Mal zu begegnen.

Meine erste Frau hat mir nicht nur gezeigt, wie zwei Frauen sich lieben. Sie hat mir gezeigt, wer ich war, hinter all den Wänden, die ich so ordentlich und so falsch um mich herum gebaut hatte. Und dafür, für diese eine heiße Nacht in einer nach Ton riechenden Werkstatt, in der eine Frau meine Hände nahm und mir die Erlaubnis gab, ich selbst zu sein, werde ich ihr ein Leben lang dankbar sein.

Manchmal, an einem stillen Abend, denke ich noch an das Gefühl ihrer Hände auf meinen an der Töpferscheibe. Du musst wissen, was du willst, dann folgt er dir. Ich habe lange gebraucht, um zu verstehen, dass sie nie über Ton gesprochen hat.