Gloryhole: anonym und geil

Stimmungsbild zu „Gloryhole: anonym und geil"

Ich hätte nie gedacht, dass ausgerechnet eine Wand mich verändern würde. Eine schwarz gestrichene Sperrholzwand mit einem einzigen runden Loch auf Hüfthöhe, in einem Nebenraum des Clubs, den die meisten Gäste nicht mal betreten. Aber genau davon handelt diese Gloryhole Geschichte: davon, wie ich lernte, dass ich manche Dinge lieber im Dunkeln bekomme, von jemandem, den ich nie zu Gesicht kriege.

Ich heiße Nadja, ich bin dreiunddreißig, und ich erzähle das hier, weil ich es keinem meiner Freundinnen erzählen kann, ohne rot zu werden.

Der Raum, den keiner betritt

Ich war an dem Abend allein im Club. Das war neu für mich. Sonst kam ich mit meinem Ex, damals noch, aber der war Geschichte, und irgendetwas in mir wollte beweisen, dass ich das auch ohne ihn konnte — hingehen, mich fallen lassen, nehmen, was ich brauchte.

Der Hauptraum war voll und laut. Musik, Gläser, Haut, das übliche Ballett aus Blicken. Ich stand an der Bar in meinem schwarzen Kleid, nippte an einem Gin Tonic und merkte, dass ich keine Lust auf das ganze Vorspiel hatte. Auf das Anlächeln, das Abtasten, das Herausfinden, ob er nett ist. Ich wollte nicht kennenlernen. Ich wollte gebraucht werden.

Eine Frau neben mir, vielleicht Ende vierzig, mit rotem Lippenstift und einem Blick, der schon alles gesehen hatte, folgte meinem Blick durch den Raum und lächelte.

„Zu viel Small Talk?”, fragte sie.

Ich lachte überrascht. „So ungefähr.”

Sie beugte sich näher, ihr Parfüm schwer und dunkel. „Dann geh nach hinten. Der Gang links neben den Duschen. Da ist ein Raum, den machen sie nur an manchen Abenden auf.” Sie nahm einen Schluck. „Für Leute, die’s anonym mögen.”

Ich muss sie verständnislos angesehen haben, denn sie lächelte breiter.

„Eine Wand”, sagte sie. „Ein Loch. Du siehst nicht, wer auf der anderen Seite ist. Und er sieht dich nicht. Nur das, was durchs Loch kommt.” Sie ließ das kurz wirken. „Manche Frauen finden das schäbig. Und manche”, sie zwinkerte, „finden heraus, dass es das Ehrlichste ist, was es gibt.”

„Und du?”, fragte ich, weil ich es wissen wollte.

Sie drehte das Glas in der Hand, und für einen Moment lag etwas Weiches in ihrem Gesicht. „Ich gehe da hin, wenn ich einen Menschen berühren will, ohne mir danach etwas erklären zu müssen. Kein Gestern, kein Morgen. Nur Haut und der Moment.” Sie stellte das Glas ab. „Probier’s. Wenn’s nicht deins ist, gehst du wieder. Aber ich glaube, du gehörst zu der zweiten Sorte.”

Vor der Wand

Ich weiß nicht, wie lange ich vor dem Gang stand. Lange genug, dass mein Glas leer war. Dann ging ich.

Der Raum dahinter war klein und fast dunkel, nur eine rote Lampe in der Ecke. Die Wand teilte ihn in zwei Hälften — auf meiner Seite ein niedriger, gepolsterter Hocker, ein Spender mit Kondomen, eine Rolle Tücher. Alles sauber, alles durchdacht. Und in der Wand das Loch, dunkel und rund und still.

Ich war allein. Von der anderen Seite kam kein Laut.

Ich hätte gehen können. Stattdessen setzte ich mich auf den Hocker und sah dieses Loch an, und ich merkte, wie mein Herz gegen die Rippen schlug. Nicht aus Angst. Aus etwas anderem. Der Gedanke, dass ich hier gleich jemandem begegnen würde, ohne ihm zu begegnen — kein Gesicht, kein Name, keine Erwartung außer der einen —, machte mich auf eine Weise nass, die mich selbst überraschte.

Ich dachte an all die Male, in denen Sex kompliziert gewesen war. An das Abwägen, das Lächeln, das Vortäuschen. An die Frage, ob der Mann neben mir mich am nächsten Morgen noch mochte, ob ich zu laut gewesen war, zu viel, zu wenig. Hier gab es davon nichts. Hier gab es nur die Wand, das Loch und die Wahrheit dahinter. Ich zog mir das Kleid ein Stück über die Schenkel und wartete, und das Warten selbst war schon süß.

Dann hörte ich Schritte auf der anderen Seite. Das Rascheln von Stoff. Und durch das Loch schob sich, langsam, ein Mann.

Ich kann nicht behaupten, dass ich lange nachdachte. Ich sah ihn an — hart, bereit, für mich und für niemanden sonst, weil er ja gar nicht wusste, dass ich es war —, und in diesem Nichtwissen lag alles. Er kannte meinen Namen nicht. Er wusste nicht, ob ich schön war, ob ich klug war, ob ich morgen zurückrufen würde. Er wusste nur, dass eine Frau auf der anderen Seite kniete und ihn wollte.

Ich beugte mich vor und nahm ihn in den Mund.

Nur das, was durchs Loch kommt

Er schmeckte sauber, nach Duschgel und Haut, und er zuckte, als meine Lippen sich um ihn schlossen, ein kurzes, unwillkürliches Stoßen gegen die Wand. Ich hörte ihn auf der anderen Seite ausatmen, tief, und dieses Geräusch — dieses ehrliche, überraschte Stöhnen von einem Mann, den ich nie sehen würde — schickte mir eine Welle zwischen die Beine.

Ich nahm mir Zeit. Ich musste ja mit niemandem reden, niemanden beeindrucken, auf nichts Rücksicht nehmen außer auf das, was ich in diesem Moment tun wollte. Ich umkreiste ihn mit der Zunge, ließ ihn tiefer gleiten, zog mich zurück, bis nur meine Lippen ihn hielten, und lauschte dabei jeder Reaktion durch das dünne Holz. Ein Keuchen, wenn ich ihn ganz aufnahm. Ein Zittern, wenn ich langsamer wurde. Er war reduziert auf reine Empfindung, und ich war die Einzige, die sie ihm gab.

Meine freie Hand schob sich unter mein Kleid. Ich war so nass, dass es fast peinlich war, und ich rieb mich im selben Rhythmus, in dem ich ihn nahm. Auf der anderen Seite legte er die Hände flach gegen die Wand — ich hörte es, dieses dumpfe Klatschen —, als müsste er sich festhalten. Seine Hüften begannen zu stoßen, kleine, verlorene Bewegungen, und ich ließ ihn, nahm alles, was er mir gab, und gab es doppelt zurück.

„Warte”, kam es gepresst von drüben, eine Männerstimme, heiser, ohne Gesicht. „Nicht so — ich will länger.”

Ich hielt inne, die Lippen noch an ihm, und lächelte in die Dunkelheit. Ich hatte alle Macht. Er konnte nichts tun, als abzuwarten, was ich als Nächstes entschied. Und genau diese Umkehrung — dass ich vor ihm kniete und trotzdem diejenige war, die bestimmte — war das Schärfste, was ich seit Langem gefühlt hatte.

„Bitte”, kam es wieder, kaum hörbar, und dieses eine Wort aus dem Mund eines Mannes, der mich nie sehen würde, ließ mich beinahe selbst kommen. Ich atmete gegen ihn, warm, und spürte, wie er unter meinem Atem zuckte. Erst als er ganz still hielt, als er sich mir vollständig überließ, nahm ich ihn wieder auf.

Was ich nicht wusste, machte mich verrückt

Ich nahm ihn wieder auf, langsamer diesmal, gnädiger, und ließ ihn kommen, wann er wollte. Als es so weit war, packte er mit einer Hand oben über den Rand der Wand, so weit er reichte, und stöhnte einen Namen, der nicht meiner war — den Namen irgendeiner Frau in seinem Kopf, oder gar keinen, nur einen Laut —, und ich nahm alles, was er hatte, und schluckte, und war dabei schockiert, wie sehr mich das erregte.

Dann war es still. Schritte. Er ging. Ich hörte die Tür auf seiner Seite, und weg war er. Ich saß auf dem Hocker, mein Kleid hochgeschoben, meine Finger noch feucht, und ich hatte keine Ahnung, wer der Mann gewesen war, der mir gerade das gegeben hatte. Ob ich an ihm im Hauptraum vorbeigegangen war. Ob er groß war oder klein, jung oder mein Vater vom Alter her, hübsch oder unscheinbar. Ich wusste nichts. Und dieses Nichts war der ganze Reiz.

Ich blieb sitzen, bis mein Atem sich beruhigt hatte. Dann brachte ich mich mit den eigenen Fingern zu Ende, dort, auf dem Hocker, im roten Licht, und kam so heftig, dass ich mir die andere Hand auf den Mund pressen musste. Das Bild, das mich über die Kante schob, war nicht sein Gesicht — es gab keins. Es war die Vorstellung, dass ich für einen Fremden ein Mund in der Dunkelheit gewesen war und für mich selbst eine ganz neue Frau.

Die andere Seite der Wand

Ich kam wieder. Natürlich kam ich wieder.

Beim zweiten Mal war es eine Frau auf der anderen Seite — ich merkte es an den Fingern, die durchs Loch tasteten, schmal, mit Ring, suchend. Ich nahm sie in den Mund, ich, die vorher nie sicher gewesen war, ob ich das wollte, und im Schutz der Wand, ohne Blick, ohne Verlegenheit, tat ich es einfach und stellte fest, dass ich es liebte. Sie kam leise, ein zitterndes Ausatmen, und flüsterte durch das Holz ein „Danke”, das mir tagelang nachging.

Beim dritten Mal stellte ich mich selbst auf die andere Seite. Ich schob mich durch das Loch, das Kleid hochgeschoben, und ließ mich von einem Mund verwöhnen, den ich nie sah — und zu wissen, dass jemand auf der anderen Seite kniete, nur für mich, ohne etwas von mir zu erwarten, ohne mein Gesicht, ohne mein Leben, machte mich schneller und lauter kommen als jeder Liebhaber, dem ich in die Augen gesehen hatte.

Die Frau mit dem roten Lippenstift traf ich Wochen später wieder an der Bar. Sie sah mich an, erkannte etwas in meinem Blick und lächelte wissend.

„Und?”, fragte sie. „Schäbig oder ehrlich?”

Ich nahm einen Schluck und ließ mir Zeit mit der Antwort.

„Ehrlich”, sagte ich schließlich. „Ehrlicher als alles davor.”

Sie prostete mir zu. „Willkommen im Club”, sagte sie, und wir wussten beide, dass sie nicht die Bar meinte.

Ich weiß bis heute nicht, wer der erste Mann an jenem Abend war. Ich will es auch nicht wissen. Manche Dinge sind schöner, wenn sie namenlos bleiben — nur das, was durchs Loch kommt, und das, was man selbst daraus macht.