Mein erster Swingerclub-Abend
Die meisten Geschichten über den ersten Besuch im Swingerclub tun so, als ginge es nur um den Sex. Um das eine Zimmer, die vielen Hände, den Moment, in dem man aufhört zu zählen. Meine fängt früher an — auf einem Parkplatz, in einem Auto, das nicht anspringen wollte, weil ich den Zündschlüssel dreimal drehte und dann doch die Hand von den Knien nahm. Sie fängt an mit der Angst, mit dem langsamen Ja, und mit der Entdeckung, dass Gruppensex zu mehreren nichts mit Verlorengehen zu tun hat, sondern mit Gesehenwerden.
Ich heiße Mira, ich bin einunddreißig, seit drei Jahren mit David zusammen. Und das hier ist, wie aus einer Fantasie, über die wir nur im Dunkeln flüsterten, unser erster echter Abend in einem Swingerclub wurde.
Zwei vor der Tür
Wir standen vor dieser Tür schon zehn Minuten zu lang. Ein unauffälliges Haus am Stadtrand, keine grellen Neonschilder, nur eine schwere Tür und dahinter, ganz leise, gedämpfte Musik und warmes Licht hinter Milchglas. Draußen wir beide, Hand in Hand, meine Finger kalt in seinen, und die Frage, die wir uns wochenlang gestellt hatten, jetzt nur noch eine Klingel weit entfernt.
„Wir können immer noch umkehren”, sagte David. Er sagte es nicht, um mich zu drängen. Er sagte es, damit ich wusste, dass ich durfte.
„Ich weiß”, sagte ich. Ich spürte mein Herz bis in den Hals schlagen, dieses schnelle, flatternde Klopfen, das ich sonst nur vor Prüfungen kannte. Mein Mund war trocken. Und trotzdem — oder gerade deshalb — war da diese Hitze tief in meinem Bauch, die seit Tagen nicht mehr aufgehört hatte. Die Angst und die Erregung waren dasselbe Gefühl geworden, ich konnte sie nicht mehr auseinanderhalten.
Ich drückte den Knopf.
Es hatte Monate gedauert bis zu diesem Knopf. Es begann, wie solche Dinge oft beginnen — mit einem Geständnis im Halbschlaf. David lag hinter mir, seine Hand auf meiner Hüfte, und flüsterte mir ins Genick, wie es wäre, mich mit anderen zu sehen. Nicht, weil ihm etwas fehlte, sagte er schnell. Sondern weil ihn der Gedanke fast wahnsinnig machte, zuzusehen, wie andere begreifen, was er jeden Tag hat. Und ich, die so tat, als schliefe ich fast, spürte, wie sich alles in mir zusammenzog. Wie ich feucht wurde, allein von seinen Worten. In den Wochen danach spielten wir es aus, nur zu zweit, im Bett, mit geschlossenen Augen und offenen Sätzen — bis aus dem Flüstern eine Frage wurde, die keiner von uns mehr allein beantworten konnte. Bis wir eine Adresse hatten und einen Freitagabend, an dem wir beide frei waren.
Und jetzt stand ich hier, in einem Kleid, das David ausgesucht hatte, und wartete darauf, dass sich die Tür öffnete.
Drinnen ist alles anders
Es war anders, als ich es mir vorgestellt hatte. Leiser. Höflicher. Fast elegant.
Ich hatte mir irgendetwas Grelles ausgemalt, irgendetwas Verzweifeltes, gierige Blicke im Halbdunkel. Stattdessen: ein Empfang wie in einer guten Bar, eine Frau um die fünfzig mit einem Lächeln, das nichts wollte, weiche Sessel, gedämpfte Beleuchtung, ein Duft von Zedernholz und irgendetwas Warmem. Niemand starrte, als wir hereinkamen. Ein paar Köpfe drehten sich, freundlich, neugierig, mehr nicht. Als wären wir Gäste auf einer Party, bei der die Hausregeln nur zufällig andere waren.
„Zum ersten Mal hier?”, fragte die Frau am Empfang, und als wir nickten, erklärte sie uns ruhig, wie der Abend funktioniert. Wo die Bar ist, wo die Sofas, wo die Zimmer, die man nur betritt, wenn alle wollen. Und den einen Satz, der mir den ganzen Abend im Kopf blieb: „Nein ist ein vollständiger Satz. Er braucht keine Begründung. Und er gilt sofort.”
Ich merkte, wie etwas in mir sich löste. Nicht die Erregung — die blieb, wie ein zweiter Puls zwischen meinen Beinen. Aber die Angst wurde kleiner. Hier war ich nicht Beute. Hier war ich eine Frau, die entscheidet.
„Und ihr geht ins Gespräch, ins Reden, so viel ihr wollt”, sagte die Frau am Empfang noch. „Die meisten unterschätzen, wie schön das Reden ist. Es gibt keine Uhr hier. Ihr müsst gar nichts.” Sie lächelte, als hätte sie diesen Satz schon hundert Paaren gesagt, die genauso verkrampft dagestanden hatten wie wir. „Und wenn ihr am Ende nur ein Glas trinkt und wieder geht — auch das ist ein gelungener Abend.”
David reichte mir ein Glas, und ich sah, dass seine Hand leicht zitterte. „Alles okay?”, fragte ich, und er lachte, ein bisschen atemlos. „Ich glaube, ich bin nervöser als du”, sagte er. Ich küsste ihn, kurz, und schmeckte den Wein auf seinen Lippen. Dann sahen wir uns um.
Es war voll und doch nicht voll. Paare in Sesseln, im Gespräch. Zwei Frauen, die an der Bar lachten. In einer Ecke küsste sich ein Paar langsam, ohne Eile, als hätten sie alle Zeit der Welt. Niemand sah hin. Und genau das, dieses selbstverständliche Nicht-Hinsehen, machte den Raum so aufgeladen. Alles war erlaubt und nichts musste. Die Luft selbst schien zu vibrieren.
Das langsame Herantasten
Ein Paar setzte sich zu uns. Sie hieß Lena, er Tobias, beide Ende dreißig, warmherzig, mit dieser Ruhe von Menschen, die schon länger dazugehören. Und wir redeten. Lange. Über nichts zuerst — woher, wie oft, was man arbeitet —, dann langsam über mehr.
Das Reden war ein Teil davon, das begriff ich erst an diesem Abend. Dieses langsame Herantasten, dieses Prüfen, ob alle wirklich wollten. Lena sah mich an, wenn sie sprach, und ich merkte, wie mein Blick immer wieder an ihren Lippen hängen blieb, an dem Ausschnitt ihres Kleides, an der Art, wie sie sich vorbeugte. Ich hatte nie ernsthaft an eine Frau gedacht. Jetzt dachte ich daran.
„Ihr seid das erste Mal hier, oder?”, fragte Lena, und als ich rot wurde, lachte sie leise, ohne Spott. „Man sieht es nicht, weil ihr etwas falsch macht. Man sieht es, weil ihr euch anseht, als könntet ihr es nicht fassen, dass ihr hier seid.” Sie legte den Kopf schräg. „Was hat euch hergebracht?”
Und ich erzählte es, stockend zuerst, dann freier — von den geflüsterten Nächten, von der Fantasie, die keine Fantasie mehr bleiben wollte. David legte mir die Hand in den Nacken, während ich sprach, und Tobias hörte zu, ernsthaft, als wäre es das Interessanteste, was er den ganzen Abend gehört hatte. „Das Schönste daran ist”, sagte er schließlich, „dass hier niemand etwas beweisen muss. Ihr seid ein Paar, das gemeinsam neugierig ist. Mehr braucht es nicht.” Und irgendwie nahm dieser eine Satz mir den letzten Rest von Enge aus der Brust.
Davids Hand lag die ganze Zeit auf meinem Knie. Nicht besitzergreifend. Eher: Ich bin hier. Was immer passiert, ich bin hier. Und irgendwann, mitten im Gespräch, glitt Tobias’ Blick zu David, und die beiden Männer nickten sich zu, auf diese wortlose Art, mit der Männer manchmal ganze Verträge schließen.
„Darf ich?”, fragte Lena leise und legte ihre Hand auf meine. Ihre Finger waren warm. Ich sah zu David. Er sah mich an, und in seinen Augen war keine Spur von Zögern — nur diese dunkle, atemlose Erwartung, die ich an ihm liebte. Er nickte. Nicht, weil er musste. Weil er es genauso wollte wie ich.
„Ja”, sagte ich. Und mein eigenes Wort ließ mich erschauern.
Lena beugte sich vor und küsste mich. Sanft zuerst, fragend, ihre Lippen weicher, als ich es je von einem Mann gekannt hatte. Ich spürte, wie David neben mir den Atem anhielt. Ich hörte es fast, wie es ihn traf, dieses Bild — seine Frau, die eine andere küsste, mitten im Raum, während er danebensaß und zusah. Und diese Erkenntnis, dass ich beobachtet wurde, dass mein Genuss ihn erregte, schob mich höher als der Kuss selbst.
Als wir uns lösten, war ich atemlos. Tobias’ Hand lag jetzt an Davids Schulter, ruhig, einladend. Und Lena stand auf, nahm meine Hand und sagte das, worauf der ganze Abend hingelaufen war: „Kommt ihr mit nach hinten? Nur wenn ihr beide wollt.”
Ich sah David an. Er stand schon.
Der hintere Raum
Der Raum hinter der Tür war größer, als ich gedacht hatte, in warmes rotes Licht getaucht, mit breiten Liegeflächen an den Wänden und weichem Boden. Es waren noch andere da — ein Paar auf einer der Liegen, ineinander verschlungen, zwei Männer und eine Frau in einer Ecke, ein leises Stöhnen irgendwo, das Rascheln von Stoff. Aber es fühlte sich nicht voll an, nicht bedrängend. Eher wie ein Ort, an dem viele Menschen dasselbe wollten und einander dabei Raum ließen.
Lena zog mich zu einer der Liegen. David folgte, dicht hinter mir, seine Hand an meinem Rücken. Und dann ging es langsam. So viel langsamer, als ich befürchtet hatte.
Lena öffnete den Reißverschluss meines Kleides, Zentimeter für Zentimeter, während sie mich ansah. Der Stoff glitt von meinen Schultern, und ich stand da, fast nackt, unter fremden und vertrauten Blicken zugleich, und statt Scham fühlte ich etwas, das ich nicht erwartet hatte: eine Freiheit, wie sie mir der Alltag nie erlaubte. Davids Blick brannte auf meiner Haut. Tobias sah mich an, ruhig, ohne Gier, als wäre ich das Kostbarste im Raum.
„Du bist wunderschön”, sagte Lena, und dann küsste sie sich meinen Hals hinunter, über meine Brüste, und ihre Zunge fand meine Brustwarze, und ich hörte mich selbst aufstöhnen. David setzte sich auf die Kante der Liege, ganz nah, und ich streckte die Hand nach ihm aus, hielt seine Finger fest, während Lenas Mund tiefer wanderte. Ich wollte ihn spüren, wollte, dass er wusste: Ich bin hier, bei dir, auch jetzt. Gerade jetzt.
Tobias sah David an. „Darf ich sie berühren?”, fragte er, und dass er David fragte, nicht nur mich, ließ etwas in mir zusammenzucken vor Erregung. David sah zu mir. Ich nickte. „Ja”, flüsterte ich. „Bitte.”
Und dann waren es viele Hände.
Lenas Mund an meiner Brust, Tobias’ Finger, die sich meinen Bauch hinabtasteten, langsam, fragend, bis sie zwischen meine Beine fanden, wie nass ich schon war. Ich hörte David scharf einatmen, als er es sah. Ich lag da, den Kopf in Lenas Schoß, und über mir und um mich herum bewegten sich Hände und Lippen, und jede einzelne Berührung war einvernehmlich, angekündigt, gewollt. Nichts geschah, das ich nicht wollte. Und alles, was geschah, wollte ich mehr als das Letzte.
„Sieh sie dir an”, murmelte Lena zu David, während Tobias’ Finger in mich glitten und ich mich ihm entgegenbog. „Sieh dir an, wie schön sie ist, wenn sie sich gehen lässt.”
Davids Augen waren dunkel, weit, fast schwarz vor Erregung. „Ich sehe sie”, sagte er heiser. „Ich sehe sie.”
Wenn man aufhört zu zählen
Ich hatte Angst gehabt, mich in der Menge zu verlieren. Das Gegenteil war wahr. Ich fühlte mich gesehener als je zuvor — von David, dessen Blick mich keine Sekunde losließ, von Lena, die mir zuflüsterte, was mit mir geschah, von Tobias, der bei jedem Schritt fragte, bevor er ihn tat.
Irgendwann zog ich David zu mir. Ich brauchte ihn, brauchte seinen Mund auf meinem, während andere Hände mich hielten. Ich küsste ihn, tief, und schmeckte, wie außer sich er war, und sagte an seinen Lippen das, was in diesem Moment am ehrlichsten war: „Ich gehöre dir. Auch hier. Gerade hier.”
Er stöhnte in meinen Mund. Dann ließ ich ihn los, und Lena legte sich neben mich, und wir küssten uns wieder, während Tobias sich zwischen meine Beine kniete und mich fragte, mit Blicken, ob er durfte. Ich sah zu David. David nickte, mit belegter Stimme, ein einziges heiseres „Ja”. Und als Tobias in mich glitt — langsam, ein Kondom, keine Frage, das gehörte hier selbstverständlich dazu —, kam ich fast augenblicklich, laut, mit Davids Namen und einem Stöhnen, das nicht mehr meines schien.
Es wurde ein Rausch aus Haut und Atem und Stimmen. Lena über mir, ihre Brüste an meinem Gesicht, mein Mund an ihr, während sie sich wand und Davids Namen und meinen durcheinanderrief. Tobias, der einen Rhythmus fand und mich mit sich nahm. Und David — David, der irgendwann nicht mehr nur zusah. Der sich zu mir legte, meinen Kopf in seine Hände nahm, und dem ich, während ein anderer mich nahm, in die Augen sah und flüsterte: „Danke. Danke, dass du mir das schenkst.” Und er küsste mich, als wollte er mich nie wieder loslassen.
Ich hörte auf zu zählen, wer wo war, wessen Hand das war, wessen Atem an meinem Ohr. Es war kein Verlieren. Es war das Gegenteil. Ich war so vollständig in meinem eigenen Körper wie nie zuvor, getragen von lauter Menschen, die genau das wollten wie ich, und in der Mitte von allem der Mann, den ich liebte, der mich ansah, als sähe er mich zum ersten Mal.
Als ich das zweite Mal kam, war es David, der mich hielt, und Lena, die meinen Namen sagte, und ich weinte fast, nicht vor Traurigkeit, sondern vor diesem überwältigenden Gefühl, gewollt zu sein, von so vielen, so vollständig.
Nachklang zu zweit
Später lagen wir alle vier da, verschwitzt, schwer atmend, und lachten leise, dieses ungläubige Lachen von Menschen, die eben eine Grenze überschritten haben und heil auf der anderen Seite angekommen sind. Lena streichelte mir über den Arm. Tobias legte David die Hand auf die Schulter und sagte etwas Leises, das ich nicht verstand, aber David lächelte dabei. Dann standen wir auf, halfen einander in die Kleider, und der Abschied war warm und selbstverständlich, ohne Verlegenheit, wie unter Menschen, die einander etwas anvertraut hatten.
Im Taxi nach Hause lehnte ich meinen Kopf an Davids Schulter. Die Stadt zog verschwommen an uns vorbei, Lichter, Regen auf der Scheibe. Ich spürte jeden Muskel in meinem Körper, wund und weich zugleich. Davids Hand fand meine.
„Und?”, fragte er leise.
Ich brauchte einen Moment. Ich suchte nach dem Wort, das das Richtige war, und fand am Ende nur die Wahrheit. „Ich hatte Angst, ich würde mich verlieren”, sagte ich. „Und stattdessen habe ich mich noch nie so sehr gefühlt. Und dich auch nicht.”
Er drückte meine Hand fester. „Ich dachte, ich würde eifersüchtig”, sagte er. „Und dann sah ich dich — wie glücklich du warst — und war einfach nur … stolz. Und verrückt nach dir.”
Zu Hause zog ich ihn ins Bett, und wir liebten uns langsam, leise, nur wir beide. Kein Publikum, keine fremden Hände, nur seine Haut auf meiner und dieses Wissen zwischen uns, das jetzt größer war als vorher. Er küsste jeden Zentimeter von mir, als müsste er mich neu vermessen, und ich ließ es geschehen, und als wir kamen, kamen wir zusammen, ineinander verschlungen, und danach lag ich lange wach und lauschte seinem Atem.
Denn das war die Hälfte der Geschichte, die in den meisten Erzählungen über Gruppensex zu kurz kommt: Es ging nie darum, uns weniger zu gehören. Der Swingerclub hatte uns nicht auseinandergenommen — er hatte uns etwas gezeigt, das wir sonst nie über uns erfahren hätten. Wie viel ich aushalten kann an Lust und Blicken. Wie sehr David mich will, gerade wenn er mich teilt. Wie fest wir sind, wenn wir uns trauen, weich zu sein.
Am nächsten Morgen weckte er mich mit Kaffee. Er stellte die Tasse ab, setzte sich auf die Bettkante und sah mich an, so wie er mich am Abend zuvor angesehen hatte.
„Würdest du wieder hingehen?”, fragte er.
Ich dachte an die Tür, vor der wir zehn Minuten zu lang gestanden hatten. An die Angst, die keine Angst mehr war. An das langsame Ja, das der Anfang von allem gewesen war.
Ich musste lächeln. „Nächstes Mal”, sagte ich, „klingeln wir schneller.”